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Den Blick kannte ich! Frank hatte bereits etwas herausgefunden, vielleicht sogar mehr, als mir lieb war, denn er sah mich mit dieser düsteren Ruhe an, die ihn stets umgab, wenn er sauer war. Sauer auf mich! Ich schluckte und blieb stehen, kaum dass ich die Tür durchschritten hatte. Gute drei Meter trennten mich von Frank. „Hallo Carmen. Schön, dass du zurück gekommen bist.“ Seine Stimme war ebenso ruhig wie sein Blick. Ein Außenstehender hätte jetzt meinen können, alles wäre in Butter. Aber ich kannte ihn besser. Er war definitiv sauer – nicht nur Quark, sondern auch ich mit dem Herumfeilen an seinem Charakter hatte ganze Arbeit geleistet! „Ich … ich hab was vergessen“, brachte ich etwas heiser hervor und begann dabei unbewusst, an meinem Oberschenkel den Stoff meines Sommerkleides zu zerknautschen. „Ach ja? Das Licht auszumachen, vielleicht?“ Dios mio, er weiß es!!, durchzuckte es mich. Wieso weiß er es bereits? Ich war doch höchstens fünfzehn, zwanzig Minuten weg!! Si, aber diese fünfzehn, zwanzig Minuten hatten ihm völlig gereicht, um die Zusammenhänge zu begreifen. Ich hatte vergessen, mit wem ich es zu tun hatte! Mit Frank nämlich, der, wenn sein Misstrauen erst einmal geweckt war, nicht ruhte, bis er Klarheit hatte. Ein echter Bluthund eben. Darum war er auch Leiter der Sicherheit auf DS9. Der richtige Frank. Und dieser hier, der ihm ja so sehr ähneln sollte, dass ich mich der Illusion hingeben konnte, er wäre mein Mann, war nun mal genauso clever. Panik machte sich in mir breit. Sag dem Computer, er soll sein Gedächtnis löschen! Komplett!! SOFORT!!! Bei jeder anderen Holofigur hätte ich den Vorsatz sofort in die Tat umgesetzt. Ich wollte es auch jetzt … aber da waren diese braunen Augen, in denen ich neben Vorwürfen auch Liebe las. Und Hoffnung. Hoffnung darauf, dass das alles letzten Endes vielleicht doch nicht so schlimm sein würde, wie es sich jetzt abzeichnete. Hoffnung auf ein Happy End. Ich konnte dem Computer nicht befehlen, Frank seine Erinnerungen zu nehmen und damit jedes Gefühl für mich. Ich hätte es nicht ertragen, wenn mich diese Augen nur eine Sekunde später völlig leer und regungslos angeblickt hätten. Langsam ging ich auf Frank zu und setzte mich vor ihn in den Sand. „Du hast den Computer gefragt, verdad?“, fragte ich ihn leise. Er nickte stumm, und sein Blick brannte sich durch meine Augen hindurch in mein Herz. „Was hast du ihn gefragt?“ „Alles, Carmen.“ Naturalmente. Und der Computer hatte ihm detailliert Auskunft gegeben. Aber hatte Frank auch begriffen? Bis ins Letzte sicher nicht. Die Antworten, die ihm der Computer nicht hatte geben können, würde er sich jetzt allerdings von mir holen. Du solltest ihn jetzt wirk-lich löschen! Ehe alles noch viel komplizierter wird! „Und du weißt jetzt, wer … was … du bist?“ Frank wiegte den Kopf zuerst vage hin und her, aber schließlich nickte er. „Ich denke schon. Ich bin … nicht echt, oder? Ich bin ein Programm. Eine Ansammlung von Bits und Bytes. Nullen und Einsen. Eine elektronische Simulation von Leben. Ist es nicht so?“ Dios, klang das vielleicht schrecklich! So … theoretisch. Ich holte tief Luft. Und schüttelte den Kopf. „No, so ist das nicht. Nicht nur. Du bist mehr als das.“ „Erklär es mir.“ Drei kleine Worte … eine schlichte Bitte darum, ihm zu verraten, warum er war. Aber was zog das alles nach sich! Wohin würde das führen? Darüber hättest du dir früher Gedanken machen sollen, chica! Ehe du ihn erschaffen hast! Wie so oft bei mir, kam auch diese Einsicht reichlich spät. Aber immerhin, sie kam. Und damit die Reue. Doch auch das Verantwortungsbewusstsein, das in mir sehr ausgeprägt ist. Ich hatte und habe in meinem Leben schon oft Mist gebaut, zum damaligen Zeitpunkt natürlich auch, aber noch nie hatte ich mich aus der Verantwortung gestohlen! Und das wollte ich auch jetzt nicht tun. ‚Ich denke, also bin ich.’ Ein ebenso schlichter Satz, doch genauso wie das „Erklär es mir“ mit Folgen verbunden, deren Ausmaß ich jetzt noch nicht absehen konnte. Nur, dass ich Frank nun nicht mehr einfach wie ein misslungenes Hologramm löschen konnte. Denn wenn man Descartes’ Aussage zu Grunde legte, war aus dem leblosen Programm Frank in dem Moment ein Lebewesen geworden, als er sich seiner selbst bewusst geworden war – vor gut fünfundzwanzig Minuten, schätzungsweise. Ich hatte damit sozusagen Gott gespielt, eine Vorstellung, die mir als gläubiger Katholikin gedanklich die Haare zu Berge stehen ließ und mir einmal mehr Visionen vom Höllenfeuer bescherte, in dem ich ohne Zweifel nach meinem Ableben schmoren würde. Es galt erneut, Schadenbegrenzung zu betreiben. Den Bockmist, den ich in meiner Selbstsucht und Gedankenlosigkeit verursacht hatte, irgendwie wieder zu bereinigen. Doch das würde in diesem Fall ganz sicher nicht leicht werden. „Es ist wahr“, begann ich nach einem kleinen Moment Bedenkzeit, den Frank mir schweigend gewährt hatte. „Du bist ein Programm, das ich habe schreiben lassen. Und das ich täglich weiterentwickelt habe, indem ich dem Computer gesagt habe, welche charakterlichen Eigenschaften du haben sollst und über welches Wissen du verfügen sollst.“ Franks Blick war wieder dunkler geworden – was aber auch kein Wunder war bei dem, was ich ihm offenbarte. Ich beeilte mich hinzuzufügen: „Aber … nun bist du nicht mehr nur das. Du hast dich durch meine Nachlässigkeit weiter entwickelt. Du … du hast Fragen gestellt. Das tust du immer noch. Du bist damit zu einem Individuum geworden.“ „Zu einem Individuum wie du?“ Ich erkannte den Anflug von Bitterkeit in seiner Stimme. Er war mir einfach zu vertraut. „No, nicht wie ich. Ich bin aus Fleisch und Blut. Du hingegen aus Energie. Dass ich dich trotzdem berühren kann, liegt daran, dass die Holoemitter in dieser Suite in der Lage sind, nicht nur dein Bild zu projezieren, sondern deine Energie auch in Materie umwandeln.“ „Ich bin doch nichts weiter als eine Simulation, nicht wahr? Ich soll so aussehen wie ein Mensch, soll mich so anfühlen, aber ich BIN keiner.“ Die Bitterkeit in Franks Stimme verwandelte sich in Wut. Er wurde lauter, heftiger, wenngleich er noch nicht wirklich schrie. Aber davon war er nicht mehr weit entfernt. „Ich bin nur ein SPIELZEUG, das du nach Belieben an- und ausschalten kannst, wenn dir der Sinn danach steht! Und das du irgendwann auf den MÜLL werfen wirst, sobald du es leid bist. Stimmt’s, Carmen? So ist es doch! WIRST du mich auf den Müll werfen? Wirst du mich einfach löschen lassen, jetzt, wo ich Bescheid weiß und dabei bin, STRESS statt SPASS zu machen?“ Er beugte sich unvermutet vor, packte mich an meinen Oberarmen und rüttelte mich kurz. „SAG es mir, Carmen! WIRST du es?“ Erschrocken starrte ich in seine Augen, die mir jetzt äußerst nah waren und in denen sich Wut mit Verzweiflung vermengte. „Ich … NO! Ich werde dich nicht löschen. Das werde ich ganz bestimmt nicht.“ Würde er mir glauben? Ich meinte es ehrlich. So plötzlich, wie er mich gepackt hatte, ließ er mich los und stand auf. Er ging ein paar Schritte durch den Sand, dann blieb er stehen und fuhr sich mit einer Hand durch sein halb gelöstes Haar – eine Geste, die mir nur zu vertraut war und die mich jetzt um so mehr traf. Du versaust es dir auch mit JEDEM Frank, chica! Dafür hast du echt ein Händchen! Selbst bei dem hier, den ich doch wirklich nur geschaffen hatte, um Spaß zu haben – nicht DEN Spaß, na ja, noch nicht, aber gut fühlen hatte ich mich wollen. Wieder das Gefühl haben wollen, von Frank geliebt und begehrt zu werden. In seinen Augen versinken, in seinen Armen liegen, seine tiefe, warme Stimme zu hören, die mir schöne Dinge sagte. War das denn verdammt noch mal zu viel gewesen, was ich da gewollt hatte? Und wenn mein wirklicher Mann mir das alles nicht mehr gab, wenn er seine ganze Liebe nur noch unserer Tochter schenkte und den Rest an positiven Gefühlen, der noch übrig blieb, dieser Gilly, war es mir da zu verdenken, dass ich die Möglichkeiten einer Holosuite nutzte, um auch ein bisschen Liebe abzubekommen? Andere Frauen gingen unter solchen Umständen fremd, ich hingegen suchte doch nur meinen Mann … den Mann, in den ich mich damals verliebt hatte. Der mich vor diesem Klamottengeschäft überrannt hatte. Der mich auf diese Galeone entführt hatte. Mich auf Bajor geheiratet hatte. Tränen schossen mir in die Augen und verwischten mir die Sicht auf Franks Rücken. „Ich habe das nicht gewollt, Paco“, beteuerte ich ihm. „Ich habe nicht richtig nachgedacht. Ich … ich wollte nicht, dass du verletzt wirst.“ Ich drückte mich aus dem Sand hoch und ging zu ihm. Dicht hinter ihm blieb ich stehen und widerstand dem Drang, meine Arme um ihn zu schlingen. Der echte Frank hätte das in diesem Moment nicht geduldet, und dieser hier dann wohl auch nicht. „Warum, Carmen? … Warum hast du das getan?“ Seine Wut war verschwunden, aus seiner Stimme und seiner Haltung. Wo er eben noch bis ins letzte angespannt gewesen war, waren seine Schultern jetzt herab gesunken und sein Kopf gebeugt. Mir fiel ein, dass ich ihm nicht nur Franks Aussehen und Charakter gegeben hatte, sondern auch seine Gefühle zu mir. Es musste ihn gerade völlig fertig machen zu erkennen, dass diese Gefühle nicht echt waren, er aber dennoch nichts dagegen tun konnte. Und dass die Liebe, die er in seinem Herzen trug, keine Zukunft hatte. “Meinst du, wir sollten eine Familie haben? Eine eigene, kleine?“ Diese Frage hatte er mir vor einer guten halben Stunde gestellt – und sie machte nur allzu deutlich, was er sich wünschte. Ein Traum, der gerade wie eine Seifenblase geplatzt war, denn auch er begriff, dass Familienplanung in einer biologisch-holographischen Beziehung doch eher ans Unmögliche grenzte. „Ich … ich habe niemandem weh tun wollen“, beantwortete ich leise seine letzte Frage an mich. „Ich wollte einfach nur glücklich sein.“ Mit meinem Mann, der einmal so war wie du, es aber nicht mehr ist – das hätte ich noch hinzufügen müssen, um komplett ehrlich zu sein, aber irgendwie hatte ich gerade den Eindruck, ihm mit dieser Information jetzt das Genick zu brechen. Er war ja nicht einmal ein Produkt meiner Phantasie, sondern nur eine Nachbildung eines real existierenden Menschen! Mit anderen Worten, außerhalb dieser Holowelt lief der Traummann, den ich mir hier generiert hatte, noch einmal herum und war sogar mit mir verheiratet. Wie würde mein Holopirat wohl darauf reagieren? Ich wollte das in diesem Augenblick nicht herausfinden. „Und da hast du dir diese Welt hier erschaffen und mich dazu“, schlussfolgerte Frank und klang dabei resigniert. Er drehte sich zu mir um und sah traurig auf mich herab. „Hast mir Erinnerungen gegeben, die du dir ausgedacht hast und Gefühle, die ich für dich haben sollte.“ Ich nickte, den Blick jetzt gesenkt, weil ich nicht länger in diese Augen blicken konnte. Sein Zeigefinger legte sich unter mein Kinn, und er hob mein Gesicht wieder an. „Ich mag vielleicht nicht wirklich existieren, und das, was ich für dich empfinde, mag nur programmiert sein … aber es fühlt sich echt an, Carmen. Für mich tut es das. Für mich ist es Liebe, immer noch. Und du bist für mich auch immer noch meine Frau, die ich auf Bajor geheiratet habe.“ Sein Blick veränderte sich erneut, während er das sagte – neben der Trauer funkelten Liebe und Entschlossenheit darin. Carajo, wie kann ein Mann bloß so ausdrucksvolle Augen haben? „Ich … könnte das ändern, wenn du willst“, flüsterte ich, nun nicht mehr in der Lage, woanders hinzusehen als in diese sherryfarbenen Tiefen. „Ich müsste dem Computer nur sagen, dass er diese Gefühle in dir löscht.“ „Ich will aber nicht, dass du es änderst, Carmen.“ Die Entschlossenheit war jetzt auch seiner Stimme anzuhören. Ich fühlte seine Hand in meiner Taille. Sanft zog er mich zu sich heran. „Ich habe keine Ahnung, was das alles jetzt für mich bedeutet. Oder wie es weiter gehen soll mit uns. Mit mir. Aber ich habe nichts anderes als meine Liebe zu dir, Carmen. Und die Vergangenheit, die du mir gegeben hast. Wenn das jetzt gelöscht wird, kannst du mich auch gleich ganz abschalten. Weil ich dann keinen Grund mehr habe, weiter zu existieren.“ Zitternd atmete ich durch. „Ich … ich könnte dir einen anderen Grund geben. Dir eine andere Vergangenheit geben. Eine andere Liebe.“ Ein kleines Lächeln zupfte an seinen Mundwinkeln, das traurig und zugleich amüsiert war. „Will ich auch nicht. Ich will dich! Die gemeinsame Vergangenheit mag ja an mir vorüber gezogen sein, aber die Zukunft wird das nicht. Du hast es vorhin selbst gesagt, ich kann mich weiterentwickeln. Ich habe es schon getan, indem ich mir meiner selbst bewusst geworden bin und mir Fragen gestellt habe. Ich bin ein Individuum. Eines, das du berühren kannst, das dich berühren kann …“, sachte streichelte er mir mit seinem Daumen über die Wange, dann beugte er sich zu mir herab und küsste meine Lippen zärtlich. „ Sag mir eines, Carmen …“, raunte er dabei an meinem Mund, „ … bin ich dir egal? Bin ich für dich nur ein Spielzeug? Oder empfindest du etwas für mich? Sei ehrlich!“ Sein Kuss hatte sich elektrisierend echt angefühlt, seine Nähe tat es sowieso. Heiser gab ich zur Antwort: „Du bist mir nicht egal, Paco. Ganz und gar nicht.“ Dass ich ihn lieben würde, das konnte ich ihm nicht sagen, denn diese Liebe galt immer noch dem wahren Piraten, und ich befürchtete auch, diesen Frank hier mit einem Liebesschwur, dessen Erfüllung sowieso völlig unmöglich war, nur noch mehr ins Unglück zu stürzen. Aber Gleichgültigkeit konnte ich auch nicht heucheln. Er hätte mich sowieso sofort durchschaut – immerhin war er eine originalgetreue Kopie Frank Cunninghams! „Das ist doch schon was“, erwiderte er lächelnd und zog mich nah zu sich. „Betrachten wir es als eine Gelegenheit.“ Und wieder näherte sich sein Mund dem meinen. Wie hypnotisiert starrte ich auf seine Lippen und wartete auf den Moment der Berührung. „Nimm, was du kriegen kannst …“, flüsterte er noch, ehe er mich wieder küsste, „ … und gib nichts zurück!“
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